Etwas aus dem Leben von Otto Schlichting.

Klaus Schlichting, ein Enkel von Otto, weist darauf hin, dass er die Bilder mit dem Hakenkreuz auf der Flagge mit gemischten Gefühlen geschickt hat.

Dazu kann er noch folgendes berichten:

„Die Nazis waren bei meinem Großvater nicht gerade beliebt. Aus Gesprächen mit meinem Großvater und auch mit meinem Vater weiß ich, dass er sich wohl einmal sehr abfällig gegenüber diesen Menschen geäußert haben muß. Vor einer „Umerziehung“ oder anderen Methoden hat ihn nur eine gegenteilige eidesstattliche Aussage von Peter Umland, der bekanntermaßen Kommunist war, gerettet. Das Geschäft seiner Frau Erna Umland an der Ecke Brunsbütteler Straße / Koogstraße dürfte noch bekannt sein.

Weiter hat mir mein Großvater von einer Begebenheit berichtet, die ihm auf der Fähre von Glückstadt nach Wischhafen widerfuhr. Dort verkauften damals uniformierte Parteigenossen Parteiabzeichen, um Geld in die Kassen zu bekommen. Als einer dieser Zeitgenossen zum Auto meines Großvaters kam, um ihm ein Abzeichen zu verhökern, tippte mein Opa sich an den Kopf. Dazu muß man aber wissen, dass Opa zu seinen Lebzeiten auch beim Autofahren immer eine blaue „Graf- Luckner- Mütze“ trug.

Als der Verkäufer meinen Großvater auf Grund seiner Reaktion mit Hilfe weiterer Parteigenossen aus dem Auto zerrte, um ihn zu verprügeln, zeigte dieser jedoch auf seine Mütze und sagte, dass er ja schon ein Abzeichen darauf festgesteckt hatte. Nachdem sich die Herren dann von der Richtigkeit seiner Äußerung überzeugen ließen, wurden ihm die Prügel dann großzügiger Weise erlassen.

Ob das Hissen der Hakenkreuzflagge an Bord dann Pflicht war, weiß ich leider nicht.

Aber auch vor der Gaststätte „Zur Fernsicht“ wurde die symbolträchtige Flagge damals gezeigt.

Die Nazis wollten meinen Großvater sogar enteignen, was er aber irgendwie verhindern konnte.

Auf jeden Fall haben sie ihn dann noch als Soldaten ausgebildet und für einige Zeit in eine Uniform gesteckt und als Besatzer nach Dänemark geschickt. Weil er aber fünf Kinder zu versorgen hatte, wurde er schnell von dieser Pflicht entledigt und nach Hause geschickt.

Auf jeden Fall müssen es schlimme Zeiten für Leute gewesen sein, die nicht „linientreu“ waren. Besonders, wenn im gegenüberliegenden Wohnhaus in der kleinen, engen Strufestraße ein überzeugter Nazi lebte. Gegen andere Mitbürger ist man damals wesentlich härter vorgegangen.“

Mein Großvater hat in den Anfängen seiner Selbständigkeit Obst aus dem Alten Land transportiert und einen Personenübersetzdienst nach Niedersachsen betrieben, er wurde auch für Ausflugsfahrten angemietet.

Der Übersetzverkehr fand aber nur auf Anforderung statt. Das geschah damals folgendermaßen:

Die Leute fragten in der Strufestraße an, ob sie übergesetzt werden konnten. Paßte das gerade nicht, und die Leute hatten entsprechend Zeit, kramte meine Großmutter zur Überbrückung von Wartezeiten einige Apfelkisten hervor und baute sie auf dem Hof auf, kochte Kaffee und hielt einen Plausch. Solche Gelegenheiten ließ man nicht ungenutzt, denn auf diese Weise konnte ja Geld verdient werden. Eine Familie mit 5 Kindern zu ernähren war damals nicht gerade einfach.